Digital-Talk am 22.10.2020 — Eine Nachlese

Demnächst als Stream verfügbar


Manfred Wolf, Thomas Willemeit, Corinna Mühlhausen, Annette Bantel-Kochan, Dr. Umeswaran Arunagirinathan, Annett Schöttle, Stefan Opitz (v. links)
 

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT: DER MENSCH IM MITTELPUNKT?

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der hospital concepts fand trotz coronabedingter Absage der analogen Konferenz schon im Frühjahr Ende Oktober eine digitale Gesprächsrunde statt: Unter dem Motto ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT: DER MENSCH IM MITTELPUNKT? diskutierten nach einer gemeinsamen Atem-Meditation mit Mind Trainer Gerald Blomeyer wie gehabt in interdisziplinärem Rahmen eine Trendforscherin, ein Mediziner, zwei Architekten, eine Expertin für integrierte Planung, sowie eine Beraterin für Betriebliches Gesundheitsmanagement und den beiden Moderatoren Manfred Wolf und Insa Schrader zu folgenden Fragestellungen:
  • Wie viel Krankenhaus brauchen wir? (Quantität/ Qualität)?
  • Welche Möglichkeiten bringt die Digitalisierung — in den Bereichen planen — errichten — betreiben?
  • Wie gelingt integrierte Planung und Teambildung — im Hinblick auf Diversität, Kommunikation, Wertschätzung?
  • Wer hat das Sagen — Medizin, Pflege, Patient?
  • Welche Rolle spielt das Krankenhaus der Zukunft in der Stadt?

Gerald Blomeyer, Insa Schrader, Manfred Wolf, Sophia Paeslack (v. links)

 Statt Krankheiten zu heilen, geht es heute vielmehr darum, Gesundheit — als universelles Gut — zu erhalten im Sinne von Prävention und Selbstverantwortung. So wurde auch die nachhaltige Wirkung auf unsere Gesundheit durch gesunden Schlaf als einer der Trends in den Health Report 2020 des Zukunftsinstituts aufgenommen. Corinna Mühlhausen, Trendforscherin und Autorin des Reports, führte aus, wie ein ganzheitlicheres Verständnis von Gesundheit den Trend der Selbstoptimierung abgelöst. Welche Bedeutung der Tag-Nacht-Rhythmus für eine rasche Genesung gerade auf der Intensivstation hat, stellte Thomas Willemeit, Architekt und Mitbegründer von Graft Architekten vor. Das Projekt (T)Raumstation, das in Kooperation mit der Charité Berlin entstand, fand letztlich seinen Anfang vor einem Jahrzehnt bei der hospital concepts. Besonders Aspekte von Licht und Akustik wurden hier im Sinne von Healing Architecture optimiert. Entscheidend dabei war, dass die Planer sich stets in die Nutzerperspektive hineinversetzt haben — also in den liegenden Patienten sowie in die Pflegenden, die stets unter Zeitdruck arbeiten müssten. Willemeit plädiert auch in Zukunft für mehr evidenzbasierte Planung, also die wissenschaftliche Auswertung von Raumumgebungen auf den Menschen.
© Sophia Paeslack, www.sjup-design.de
 

Empathie und Digitalisierung als Treiber

Im Krankenhausbetrieb gewinnen nicht zuletzt in Zeiten des Fachkräftemangels digital unterstützte Prozesse für einen optimierten Workflow zur Entlastung von Ärzten und Pflegekräften eine immer größere Bedeutung. Dennoch muss die menschliche Begegnung im Fokus stehen — im Gegenteil, müsse sie sogar einen weit höheren Stellenwert erlangen, fordert der Herzchirurg Dr. Umeswaran Arunagirinathan, er setzt auf noch mehr Empathie. In seinem gerade erschienenen Buch „Der verlorene Patient“ stellt er das auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Gesundheitssystem in Frage, das häufig nicht den Menschen, sondern den Markt in den Mittelpunkt nehme. Dabei müsse es vielmehr um Lebensqualität und nicht nur um das medizinisch und technisch Machbare gehen. Apropos Technik: Nutzer müssten aus seiner Erfahrung viel mehr in die Planung einbezogen werden — oftmals fehlt die Steckdose am richtigen Platz oder Betten passten nicht durch die Tür.


Manfred Wolf, Thomas Willemeit, Corinna Mühlhausen, Annette Bantel-Kochan (v. links)

  Wie ein zukunftsfähiges Krankenhaus aussehen kann, das die Bedürfnisse der Menschen aufnimmt, stellte der Architekt Stefan Opitz, HDR Leipzig, vor: Die Waldkliniken Eisenberg in Thüringen bieten seit November als erstes kommunales Krankenhaus die Aufenthaltsqualität eines Sterne-Hotels — für Patienten aller Krankenkassen. Für den außergewöhnlichen Rundbau holte sich der Bauherr den weltbekannten Mailänder Architekten und Designer Matteo Thun ins Haus. Die Planung wurde hinsichtlich der Expertise für Gesundheitsarchitektur von HDR unterstützt. Gemeinsam stellten sie den Patienten als Gast in den Mittelpunkt. Eine Patienten- und Besucher-App für das Smartphone fördert die Orientierung im Haus: Eine Navigationsfunktion übernimmt die Wegeführung. Der Patient erhält standortbezogene Informationen, so dass keine Wartezeiten entstehen.

Neben der Architektur ging es bei der Diskussion auch um eine zukunftsweisende und damit integrierte Planung. Sie sei der Weg, immer komplexer werdende Anforderungen frühzeitig interdisziplinär zu bewerkstelligen, so Annett Schöttle, Beraterin bei Refine Projects AG. Sie empfiehlt Lean Construction als Management-Philosophie. Sie könne dabei Plaungsteams als Methodik unterstützen. Letztlich gehe es darum, die Grundlagen für einen optimalen Entscheidungsprozess zu kreieren. Dabei stehen Augenhöhe und Teamentwicklung im Fokus. Diese Aspekte könnten der wachsende Anteil von Frauen in der Baubrache voranbringen: Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven schaffen Diversität — bessere und kreativere Ideen entstehen!


Insa Schrader, Manfred Wolf, Sophia Paeslack (v. links)

 

Krankenhaus als Wahrnehmungslabor

Um ein ausgewogenes Maß zwischen Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und Fürsorge der Führung geht es beim Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Für Unternehmen gewinnt es eine immer größere Bedeutung — auch im Krankenhaus. Beim BGM gehe es darum, die Gesundheit der Mitarbeitenden als strategischen Faktor in die Strukturen und Prozesse der Organisation aktiv einzubeziehen, so Annette Bantel-Kochan, BGM-Beraterin. Die gestiegenen Belastungen etwa auch in Verbindung mit Mitarbeitermangel lassen motivierte und gesunde Mitarbeitende gerade für den stationären Sektor zur Schlüsselressource werden: „Es steht und fällt dabei mit der Führung, von hier aus muss der Gesundheitsschutz ins Unternehmen getragen werden!“

Der Arbeitgeber sei dabei gefragt, Transformationsprozesse ganzheitlich zu begleiten — dabei dürfe sich der Einzelne aber nicht aus der (Selbst-)Verantwortung für seinen Körper und seine Psyche verabschieden. Insofern gehe es für beide Seiten darum, einen siebten Sinn zu entwickeln, für die eigenen Bedürfnisse und die des Gegenübers. Das Krankenhaus als Wahrnehmungslabor entwarf Thomas Willemeit auch sein Zukunftsbild für ein Gesundheits- oder noch weiter gefasst als „Lebenshaus“. Wieviel Krankenhaus wir künftig brauchen werden, wie in Zukunft ambulante etwa viel stärker stationäre Angebote entlasten könnten – wie es Corinna Mühlhausen in Aussicht stellte – wird sich zeigen.

 

Vom OP der Zukunft zu hospital concepts

Erstmalig im Jahr 2001 richtete auf Initiative von Manfred Wolf, emtec e.V., Institut für Beratung, Fortbildung und Technologien im Gesundheitswesen, die von da an jährlich stattfindende interdisziplinären Fachkonferenz in der Hauptstadt aus und etablierte sie über zwei Jahrzehnte zu einem fixen Treffpunkt für Entscheidungsträger im Gesundheitswesen. Damals wie heute ist sie Kommunikationsplattform und bei Architektenkammern akkreditierte Weiterbildung für Krankenhausmanager, Ärzte, Pflegepersonal, Architekten und Ingenieure, um neue Trends im Bereich der Krankenhausplanung und des Krankenhausmanagements zu diskutieren und sich über technische Innovationen auszutauschen.

In den letzten zwei Jahrzehnten rückte dabei der Mensch — ob als Patient, Mitarbeiter oder Angehöriger — zunehmend in den Fokus. Eine Abkehr von der Technik ist dabei jedoch nicht zu beobachten, im Gegenteil: Minimalinvasive Behandlungen und Telemedizin sind schon Realität — wann die personalisierte Patientenakte in Deutschland oder Operationen mit Künstlicher Intelligenz kommen werden, erfahren wir vielleicht schon bei der 21. hospital concepts im kommenden Jahr: 28.-29.10.2021.

Zum 20. Jubiläum wird eine Festschrift der anderen Art als inspirierendes und wertiges Booklet erscheinen: 20 Positionen von Expertinnen und Experten zur Zukunft des Krankenhauses im Hinblick auf planen, errichten und betreiben. Die Publikation ist nach Erscheinen kostenfrei zu beziehen unter: info@emtec-veranstaltungen.de.

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